Die große Sauerei - Wie Agrarlobby und Lebensmittelindustrie uns belügen und betrügen - und was das für unsere Ernährung bedeutet
Das vorliegende Buch „Die große Sauerei – Wie Agrarlobby und Lebensmittelindustrie uns belügen und betrügen – und was das für unsere Ernährung bedeutet“ ist 2022 zum dritten Mal im YES Publishing-Verlag erschienen. Es wurde geschrieben vom Schauspieler, Synchron- und Hörbuchsprecher, Autoren und Umweltaktivisten Hannes Jaenicke unter Mitarbeit von Fred Sellin. Das Buch hat medial für viel Aufmerksamkeit gesorgt und wurde u.a. in der NDR-Sendung 3nach9 mit Vertreter:innen aus den Medien diskutiert und im Nachgang von Bäuer:innen und Branchenvertreter:innen in den sozialen Netzwerken unmittelbar wieder aufgegriffen. Inhaltlich befasst es sich mit der Debatte um Tierwohl, nicht-nachhaltiger Milch- und Fleischproduktion sowie neueren Trends der Ernährungsindustrie. Damit reiht sich das Sachbuch ein in die vier vorangegangenen Werke von Jaenicke, die zu den Themen Meeresschutz, Verbraucher:innenschutz und politisches Engagement erschienen sind.
Lernziele und Kompetenzen
Das Thema Landwirtschaft ist für Bildungssettings hochrelevant. Die meisten Lehrpläne greifen das Thema in der Klassenstufe 3/4 im Fach Sachunterricht, wobei besonderer Fokus auf die Tiere und Tierfamilien gelegt wird, oder in der Klassenstufe 5/6 auf, wobei verstärkt die Produktionsformen, die Spezialisierung der Agrarbranche sowie die Haltungsbedingungen im Mittelpunkt stehen (vgl. Hertema et al. 2019). Auch die Klassenstufe 9/10 thematisiert die Landwirtschaft im Lichte der Globalisierung und des Weltagrarmarktes. Die Lehr- und Lernmittel decken die curricular vorgegebenen Inhalte i.d.R. vollumfänglich ab (vgl. Hertema et al. 2019). Lehrkräfte bringen diese gesellschaftlich kontrovers und vielperspektivisch diskutierte Themen mit einer entsprechenden Sensibilität in Lehr-Lern-Settings gemäß dem Beutelsbacher Konsens (Überbewältigungs- und Indoktrinationsverbot sowie Kontroversitätsgebot) in den Unterricht ein. Um sich möglichst umfassend und kontrovers über ein Thema zu informieren und aktuelle Aspekte der gesellschaftlichen Diskussion mit einfließen zu lassen, greifen Lehrkräfte – wie auch andere Personen – zu Sachbüchern, wie dem vorliegenden. In diesem Kontext soll die weitere Rezension dieses Sachbuches stehen.
Aufbau und Analyse der Kapitel
Das Buch verfügt über einen Hardcovereinband und ein Taschenbuchformat. Es besitzt 271 Seiten, die in vier Kapiteln aufgehen und zusätzlich von einem Intro und einem Nachwort sowie dem Quellenverzeichnis gesäumt werden. Das erste Kapitel setzt sich mit dem Thema Milch und Milchproduktion auseinander. Dabei werden die Themen Kälberaufzucht, Milchviehhaltung, Milchindustrie, Milchforschung sowie gesundheitsrelevante Aspekte von Milch betrachtet. Im zweiten Kapitel wird die Fleischproduktion behandelt. Dabei geht es im Besonderen um Schweinefleisch. Die Zucht der Tiere, das Nutztier Schwein sowie dessen Haltung und die Kontrolle von Haltungsbedingungen werden dargelegt. Auch das Huhn als Fleisch- und Eierlieferant wird in ähnlicher Weise analysiert. Das dritte Kapitel legt den Fokus auf Prüfzeichen und Siegel sowie deren Bedeutung. Ausgehend von der Diskussion um staatliche Prüfsiegel über die Ausweisung verschiedener Haltungsformen hin zu artgerechter Haltung und der Konstruktion von eigenen Siegeln, mit denen der Handel Greenwashing betreibt (S. 8) werden aufgezeigt. Das letzte Kapitel wendet sich neuen Produktionsmöglichkeiten für tierische Produkte zu, wobei die Gentechnik und die Insektenzucht eine bedeutende Rolle spielen. Ferner kommen Aspekte wie die Lebensmittelverschwendung, der Veggie-Boom oder auch alternative Proteinquellen zur Sprache (ebd.).
Reflexion mit dem Fokus auf das erste Kapitel (Milch) und unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes in Bildungssettings
Wie die Analyse der Kapitel bereits deutlich gemacht hat, spricht das Sachbuch viele durchaus schwierig und kontrovers diskutierte Themen in der Branche Landwirtschaft an. Angeklungen ist darüber hinaus bereits die schwierige, sehr reißerisch gewählte Sprache, mit der eine den Autor bestätigende Haltung der Leser:innenschaft erzeugt werden soll. Werke, die derart versuchen zu instrumentalisieren, sollten gemäß dem oben bereits benannten Beutelsbacher Konsens keinen Eingang in den Unterricht finden. Es sei denn, sie werden auch als kontrovers und diskutabel in das Bildungssetting getragen. Darüber hinaus ist das Sachbuch auch aus anderen Gründen, die im Fortgang zusammengetragen werden sollten, kritisch zu bewerten. Diese Anhaltspunkte können von Lehrkräften, die mit ihren Schüler:innen in eine solche Diskussionen über das Sachbuch und/oder dessen Inhalte treten möchten, genutzt werden:
Insgesamt lässt sich das vorliegende Sachbuch als schwierig im Kontext der schulischen Nutzung bewerten, wie an den fünf Aspekten umfassend deutlich geworden ist. Vor allem für die Verwendung in Bildungssettings empfiehlt sich eine kritische Betrachtung des Werkes in Auszügen, wofür die fünf Aspekte genutzt werden können. Insbesondere die Diskussion von Handlungsoptionen der Schüler:innen erscheint mit Blick auf die aktuelle fachdidaktische Debatte um handlungsorientiertes und transformatives Lernen mehr als geboten.
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